Alina Tsyba arbeitet seit einem halben Jahr bei den Sozialen Diensten als Dolmetscherin und Übersetzerin im Koordinationsteam Ukraine. Sie selbst hat ihr Heimatland aufgrund der unsicheren Lage verlassen. Die Arbeit habe zu ihr gefunden, sagt die junge Ukrainerin über ihren Job bei der Stadt St.Gallen. Eigentlich hatte sie andere Pläne.
Alina Tsyba hatte ihr Studium in Dolmetschen und Übersetzen an der Universität in Kyiw (Kiew) gerade erst begonnen, als der Krieg ausbrach. Sie hatte ursprünglich nicht vor, das Land zu verlassen. Sie wollte bleiben und ihr Studium fortsetzen. Ihre Mutter und eine Freundin drängten jedoch darauf, zusammen ins westlich gelegene Lwiw zu reisen. Die Lage schien Alinas Mutter jedoch auch dort nicht sicher genug, weswegen die Frauen bereits am nächsten Tag mit dem Zug weiterreisten und schliesslich in die Schweiz kamen.
Kurzerhand eine Anstellung bekommen
Und wie für so viele Menschen, die aus der Ukraine in die Schweiz und nach St.Gallen kommen, waren auch für Alina die Sozialen Dienste eine der ersten Anlaufstellen. Da die Studentin über ausgezeichnete Deutschkenntnisse verfügt, boten die Sozialen Dienste ihr kurzerhand eine befristete Anstellung als Mitarbeiterin des Koordinationsteams Ukraine an. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Arbeit als interkulturelle Dolmetscherin und Übersetzerin. In dieser Rolle kann sie den Menschen aus der Ukraine helfen, die Schweizer Kultur besser zu verstehen. «Das hilft ihnen, die schwierige Situation, in der sie sich befinden, besser zu meistern», sagt sie. Sie begleitet das Team bei Zuweisungen, übersetzt bei Sprechstunden und Beratungsgesprächen. Daneben unterstützt sie – sofern es ihre Zeit zulässt – ihre Teamkolleginnen und -kollegen in der Bewältigung der täglich anstehenden Aufgaben. In den Sommerferien hat sich die Zahl der Beratungsgespräche stabilisiert, im Herbst wird es wahrscheinlich wieder eine deutliche Zunahme geben.
Geschichten, die berühren
Bei ihrer Arbeit müsse sie sich gut abgrenzen können, sagt Alina. Von ihren Landsleuten hört sie viele Geschichten, die sie nicht unberührt lassen. Sie versucht jedoch, das Ganze nicht zu stark an sich heranzulassen. Das ist eine Herausforderung, der sie sich täglich stellen muss. «Die Menschen sind durcheinander, haben Angst und fühlen sich allein. Deshalb bitten sie manchmal weit über die üblichen Arbeitszeiten hinaus um Unterstützung und wollen auch in meiner Freizeit um Rat fragen», erzählt Alina. Klare Grenzen zu ziehen sei wichtig, aber teilweise auch anstrengend.
Auf die Frage, warum sie über so gute Deutschkenntnisse verfüge, erzählt Alina, dass ihre Mutter sich gewünscht hat, dass sich für ihre Tochter eine Studienmöglichkeit in Deutschland ergeben würde. Deshalb hat sie bereits vor etwa vier Jahren begonnen, neben der Schule Deutsch zu lernen. Alina merkte jedoch, dass es nicht ihrem Wunsch entsprach, für ihr Studium nach Deutschland zu ziehen. Das Lernen der Fremdsprache hat sich jedoch als grosser Vorteil erwiesen und sie schlussendlich ins Team der Sozialen Dienste St.Gallen geführt, wo sie sich von Anfang an sehr wohl fühlte. Es herrsche eine kollegiale und offene Atmosphäre und man kümmere sich umeinander, erzählt sie. «Es arbeiten Menschen zusammen, die anderen Menschen gerne helfen.»
Das Reisen bringt sie in Balance
Ihre Arbeit nimmt viel Zeit in Anspruch und braucht viel Energie, weshalb Alina Zeit für sich allein sehr schätzt. Sie beschreibt sich selbst als introvertiert. Ihren Ausgleich sucht sie in der Abwechslung: Einerseits in der Ruhe der Natur, andererseits beim Reisen. Unterwegs sein bedeutet für sie emotionale Erholung. Ihre Freiheit ist ihr sehr wichtig, weshalb sie am Wochenende viel unterwegs ist. «Das gibt mir einen anderen Blickwinkel und bringt mich wieder in Balance», sagt sie. Sie hat bereits einige Orte in der Schweiz kennengelernt.
An St.Gallen gefällt Alina besonders die Architektur. Für sie, die in Kyiw geboren und aufgewachsen ist und daher an viele Menschen und eine pulsierende Stadt gewohnt ist, ist St.Gallen eine kleine und ruhige Stadt. Zürich könne man schon eher mit Kyiw vergleichen, meint sie. Die Schweizerinnen und Schweizer erlebt sie als offen und freundlich, wohingegen sie sich und ihre Landsleute als eher verschlossen beschreibt. Über die Du-Kultur in der Schweiz hat sie sich sehr gewundert. Das kenne man in der Ukraine nicht. Wenn es um Sprache geht, hat Alina noch ein weiteres Anliegen: Sie würde es schätzen, wenn Menschen aus der Ukraine nicht als Flüchtlinge bezeichnet würden. «Für mich klingt das negativ. Für die Schweizerinnen und Schweizer hat das Wort vielleicht keine negative Bedeutung, für uns Menschen aus der Ukraine aufgrund ihrer Geschichte aber schon.»
Nach den Semesterferien beginnt das Fernstudium
Für Umgangsformen und Manieren interessiert sich Alina sehr. Sie hat auch schon einige Kurse zum Thema absolviert. Zu wissen, wie man sich in verschiedenen Situationen korrekt zu verhalten habe, gebe Sicherheit in ungewohnten Lebenslagen und in fremder Umgebung, sagt sie.
Sobald die Semesterferien vorbei sind, wird Alina neben ihrer Tätigkeit bei den Sozialen Diensten ihr Studium in Dolmetschen und Übersetzen an der Universität Kyiw fortsetzen – allerdings als Fernstudium. Auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen weiss Alina noch keine Antwort. Obwohl sie viel darüber nachdenkt, welche Optionen sie hat, ist sie noch nicht zu einer Entscheidung gelangt. Wichtig sei es, offen für Neues zu bleiben. «Ich lerne gerne und finde es wichtig, neue Erfahrungen zu machen.»
