Auf dem Türschild stehen die kyrillischen Schriftzeichen «Інформаційний центр», auf Deutsch «Koordinationsteam Ukraine». Im Flur wartet gerade ein junger Mann; er hat seine gepackten Reisetaschen kurz auf dem Boden abgestellt. Eine Frau öffnet die Türe und wechselt mit ihm ein paar Worte auf Ukrainisch. Eine alltägliche Situation in den Büroräumen der Sozialen Dienste der Stadt St.Gallen. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hat sich hier an der Brühlgasse viel verändert: Büroräume wurden umfunktioniert, ein Teil des Teams hat seine Aufgaben komplett neu ausgerichtet, befristet angestellte Mitarbeitende haben ihre Arbeit aufgenommen – darunter auch die junge Ukrainerin Alina Tsyba und zwei weitere Personen, die Ukrainisch oder Russisch sprechen und damit ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen bei der Kommunikation mit geflüchteten Menschen aus der Ukraine unterstützen. «Wir arbeiten seit März im Ausnahmezustand. Die Dynamik der Entwicklung sowie der Umfang der zu bewältigenden Aufgaben fordern sehr stark. Und ein Ende ist nicht absehbar», sagt Philip Fehr. Noch vor sieben Monaten war er als Ressortleiter Sozialberatung 2 in der Abteilung Sozialhilfe bei den Sozialen Diensten tätig. Zu Beginn der Krise vor einem halben Jahr wechselte er ins Koordinationsteam Ukraine. Anfangs waren sie zu zweit, heute leitet Philip Fehr das Ressort Ukraine mit 15 Mitarbeitenden.
Zuweisungen auf tieferem Niveau eingependelt
Philip Fehr und sein Team kümmern sich um ukrainische Geflüchtete, die in der Stadt St.Gallen ankommen. Bislang wurden dem Kanton St.Gallen etwa 3'800 Schutzsuchende der aktuell insgesamt 64'800 in die Schweiz geflüchteten Personen zugewiesen. Der Verteilmechanismus zwischen Bund, den Kantonen sowie den Gemeinden erfolgt bevölkerungsproportional. Knapp 1 % aller in die Schweiz eingereisten Menschen aus der Ukraine ist demnach durch die Stadt St.Gallen zu betreuen. Die Mitarbeitenden der Sozialen Dienste organisieren finanzielle Unterstützung sowie die Unterbringung in Wohnungen, Gruppenunterkünften oder Gastfamilien, allfällige medizinische Versorgung, Sprachausbildung, berufliche Integration, Versicherungsschutz sowie alle weiteren Fragen, die sich mit dem Aufenthalt in der Stadt stellen.
Insgesamt wurden bislang 566 schutzsuchende Personen aufgenommen und begleitet. Ein Teil dieser Menschen reiste zwischenzeitlich zurück in ihre Heimat oder konnte eine Erwerbsarbeit aufnehmen. Zurzeit werden 476 aus der Ukraine geflüchtete Menschen von den Sozialen Diensten unterstützt und langfristig begleitet. Seit Ende März gab es im Schnitt 15 neue Zuweisungen von Geflüchteten pro Woche, im Sommer hat sich diese Zahl auf einem etwas tieferen Niveau von 10 Zuweisungen eingependelt. Philip Fehr spricht von einer «Stabilisierungsphase», in der das Team erstmals kurz durchschnaufen und gleichzeitig die weiteren organisatorischen Schritte aufgleisen konnte.
Von der Hand in den Mund gelebt
«Das vergangene halbe Jahr war für unser Ukraine-Team, aber auch die weiteren Mitarbeitenden der Abteilungen Sozialhilfe sowie der Abteilung Finanzen, Recht und Dienste – was den Druck, Stresspegel und das Arbeitsvolumen angeht – eine anspruchsvolle Zeit», sagt der Ressortleiter Ukraine. Es seien intern verschiedene organisatorische Massnahmen getroffen worden, um die Arbeitslast zu bewältigen: Von Mehrarbeitszeit und Pensenerhöhungen über befristete Anstellungen bis zum Einsatz von Springerorganisationen. In einer ersten Phase, unmittelbar nach dem Kriegsausbruch, war die Flüchtlingswelle wohl für alle unmittelbar beteiligten Stellen eine Überforderung. Durch die Einführung des Schutzstatus S wurden Aufgaben vom Bund und Kanton auf die Gemeinden übertragen. Zuvor waren geflüchtete Menschen in der Regel erst ein halbes Jahr nach der Einreise in die Gemeinden gekommen; mit dem neuen Schutzstatus hat sich diese Zeit auf etwa eine Woche verkürzt. Für die Sozialen Dienste, die neben den weiteren Aufgaben auch für die Unterbringung zuständig sind, eine grosse Herausforderung: «Zeitweise haben wir von der Hand in den Mund gelebt. Kaum war eine Wohnung bezugsbereit, war sie auch schon wieder besetzt», erzählt Philip Fehr.
Die Zahl der Gastfamilien ist gesunken
Von den aktuell 476 unterstützten Ukrainerinnen und Ukrainern in St.Gallen leben 246 Personen in Wohnungen, die von den Sozialen Diensten zur Verfügung gestellt werden. 56 weitere Personen sind in Gruppenunterkünften wie etwa dem vormaligen Altersheim Riederenholz untergebracht. Dieses wurde im April innerhalb kurzer Zeit auch mit Hilfe der Regionalen Zivilschutzorganisation als Unterkunft für die schutzsuchenden Personen aus der Ukraine umgestaltet und wird seither durch die Sozialen Dienste geführt. 98 Menschen wohnen bei Gastfamilien und 76 weitere Personen haben eine eigene Wohnung gefunden. Der Anteil der von den Sozialen Diensten angemieteten und möblierten Wohnungen ist im Laufe der vergangenen Monate gestiegen, während die Anzahl Unterkunftsmöglichkeiten in Gastfamilien deutlich zurückgegangen ist.
Einige Gastfamilien haben ihr ursprüngliches Hilfsangebot mittlerweile wieder zurückgezogen oder die Aufnahme konnte aus anderen Gründen beendet werden, berichtet Philip Fehr. Manche Ukrainerinnen und Ukrainer hätten nach drei Monaten bei einer Gastfamilie eine eigene Wohnung gefunden, andere seien wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt. Es habe aber auch Konfliktsituationen gegeben oder generell Personenkonstellationen, die nicht zusammenpassen. «Einige Gastfamilien haben den Aufwand und die Auswirkungen auf ihren Alltag unterschätzt», sagt Philip Fehr. Das sei verständlich. Viele Leute hätten nicht damit gerechnet, dass der Krieg so lange dauern könnte. Dennoch funktioniere das Zusammenleben an den meisten Orten gut, zum Teil würden Gastfamilien seit einem halben Jahr geflüchtete Menschen bei sich zu Hause beherbergen. «Die Solidarität ist nach wie vor gross. Wir sind dankbar für jedes Engagement.» Die Mitarbeitenden der Sozialen Dienste seien weiterhin bestrebt, geeignete Hilfsangebote von Gastfamilien durch passende Zuweisungen zu nutzen.
Zweite Flüchtlingswelle erwartet
Bei der Unterbringung der geflüchteten Menschen haben die Sozialen Dienste mittlerweile eine gewisse Planungssicherheit erreicht. Da die Stadt St.Gallen einen vergleichsweise hohen Wohnungsleerstand hat, kann eine ausreichende Zahl von geeigneten Wohnungen angemietet und möbliert werden. Philip Fehr und sein Team setzen den Fokus zurzeit auf die langfristige Begleitung der geflüchteten Menschen und Gastfamilien. An einen «Courant normal» ist aber noch lange nicht zu denken: «Wir rechnen mit einem anhaltenden Zustrom von Flüchtenden aus der Ukraine, der je nach Kriegsgeschehen und Witterung im Winter zu einer zweiten Welle anwachsen könnte», sagt Philip Fehr. Die aktuellen Schätzungen des Bundes gehen davon aus, dass sich die Zahl der schutzsuchenden Personen bis Ende Jahr noch deutlich erhöhen, unter Umständen sogar verdoppeln wird.
Das Team bereitet sich entsprechend vor und blickt den Wintermonaten mit Respekt, aber auch zuversichtlich entgegen: «Unsere Prozesse haben sich bewährt, wir können auf den gemachten Erfahrungen aufbauen», sagt der Ressortleiter Ukraine und betont an dieser Stelle auch den guten Zusammenhalt im Team: «Wir unterstützen einander und bringen unsere je eigenen Ressourcen lösungsorientiert und nutzenstiftend ein. Dafür möchte ich allen Mitarbeitenden danken.» Auch wenn die Belastung innerhalb der Sozialen Dienste hoch war und ist: Eine wichtige und schöne Erfahrung sei die Unterstützung bei der Bewältigung der Krise durch andere Dienststellen der Stadt. «Die unkomplizierte, lösungsorientierte Zusammenarbeit etwa mit Gesellschaftsfragen, IDS, Personaldienste, Hochbauamt, Schule und Musik oder Feuerwehr und Zivilschutz hilft enorm. Auch dafür sind wir dankbar.»
