Christian Geiger, nach sechs Jahren als Chief Digital Officer (CDO) haben Sie die Stadtverwaltung in Richtung Bern verlassen. Wie ist es zu diesem Schritt gekommen?
In den vergangenen sechs Jahren habe ich in Zusammenarbeit mit den Direktionen und Dienststellen viel Strategie- und Konzeptarbeit geleistet und gemeinsam mit meinem Team eine Vielzahl von Projekten umgesetzt. Es war eine spannende Zeit, in der wir als Wegbereiter den digitalen Aufbruch der Stadt St.Gallen aktiv mitgestalten konnten. Nun ist es Zeit für eine neue berufliche Herausforderung. Die Professur für Digital Government, Innovation und Transformation an der Berner Fachhochschule ist wie zugeschnitten für mich. Ich kann weiterhin die Digitale Transformation prägen und werde meine Spezialgebiete im Bereich Open Government und Open Data im Hochschulumfeld vertiefen. Der Austausch mit nationalen und internationalen Unternehmen, Bund, Kantonen und Städten – auch mit der Stadt St.Gallen – wird bestehen bleiben.
Als Digitalisierungsexperte haben Sie und Ihr Team die Stadtverwaltung in der digitalen Transformation begleitet. Was genau waren dabei Ihre Aufgaben?
Wir starteten mit der Smart-City-Strategie und konnten damit eine Grundlage für strategische Entscheide schaffen. Für Fragen und Lösungen zu digitalen Weiterentwicklungen waren wir die erste Anlaufstelle in der Stadtverwaltung. Wir unterstützten durch Beratung, aber auch durch die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistenden. Wir haben beispielsweise sogenannte «Hackathons» mit den Dienststellen durchgeführt, um sie bei der Lösung von digitalen Challenges bestmöglich zu unterstützen. Wir machten auch eine Trendscouting und überprüften laufend, was von extern an Diensten nachgefragt wird und welche neuen technischen Möglichkeiten es bei der Bereitstellung von Dienstleistungen und E-Government-Services gibt.
Was sind die wichtigsten Errungenschaften in Ihrer Amtszeit?
In den vergangenen sechs Jahren ist sehr viel gelaufen. Wir können als Stadt stolz darauf sein, dass wir im Bereich Digitalisierung grosse Schritte vorangekommen sind: Wir haben einen Chatbot umgesetzt und ein Open-Data-Portal für die Stadt und den Kanton aufgebaut. Zusammen mit einem Startup haben wir unsere E-Partizipationsplattform etabliert. Für viele Entwicklungen gab es auch finanzielle Unterstützung von extern, zum Beispiel von E-Government Schweiz oder im Rahmen der Smart Government Academy Bodensee. Das verdeutlicht, dass wir die richtigen Themen zur richtigen Zeit angepackt haben. Mich freut zudem, dass wir den «Smarte Stadt Lenkungsausschuss» als direktionsübergreifendes Gremium verankern konnten. Dieser wird nun in Richtung eines Innovationsgremiums weiterentwickelt.
Und was sind Ihre persönlichen Highlights?
Ich denke besonders gerne an die Smarthalle in der Innenstadt zurück. Das war ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt, Kanton und Hochschulen, mit dem wir die Digitalisierung und Smart-City-Themen der Bevölkerung zugänglich gemacht haben. Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten – auch vier Jahre später erhalte ich noch Feedbacks. Ein persönliches Highlight war der erste Smart Government Day in St.Gallen, den Vitali Klitschko eröffnet hat. Der damalige Stadtpräsident Thomas Scheitlin und ich hatten den Bürgermeister von Kiew ein halbes Jahr zuvor am WEF in Davos kennengelernt und konnten ihn als Redner gewinnen. Kurz darauf durfte ich in Kiew am Smart City Day einen Speech zu unseren Projekten in St.Gallen halten.
Welche Bedeutung hatte die nationale und internationale Vernetzung in Ihrer Position?
Die Vernetzung spielt eine sehr wichtige Rolle. St.Gallen steht mit vielen Städten im In- und Ausland im Austausch. Kooperationen sind das A und O. Ich durfte den Smart City Hub mitbegründen und fünf Jahre als Präsident führen. Es freut mich, dass wir Strukturen geschaffen haben, die diese wesentlichen Themen auch in anderen Städten weiterführen. «Smart» bedeutet für mich auch, dass man nicht im eigenen Saft schmort, sondern Synergien mit anderen Akteuren nutzt und gemeinsam Lösungen entwickelt.
Wo steht die Stadt St.Gallen punkto Digitalisierung im Vergleich zu anderen Städten?
In den vergangenen Jahren hat sich punkto Digitalisierung viel getan. Wir sind im Vergleich mit anderen Städten auf einem guten Weg und wir konnten das Thema ins Herz der Verwaltung bringen. Schritt für Schritt werden die Dienststellen digitaler. Ein gutes Beispiel sind die St.Galler Stadtwerke, die einen neuen Bereich «Digitalisierung und IT» geschaffen haben und damit die Dienstleistungsinnovation vorantreiben (siehe Interview). Für die personellen und finanziellen Ressourcen, die wir einsetzen können, machen wir im nationalen Vergleich einen sehr guten Job. Die Stadt St.Gallen hat mit ihrer Grösse gute Voraussetzungen, um agil zu agieren und auf Innovationen aufspringen zu können. Doch bei allem Lob: Es gibt noch viel zu tun. Wenn ich die Brille einer Bürgerin oder eines Bürgers aufsetze, dann sehe ich noch grosse Digitalisierungspotenziale.
In welchen Bereichen der Digitalisierung hat die Stadt noch Luft nach oben?
Vor allem im Bereich der digitalen Verwaltungsleistungen. Open Data muss zum Standard werden. Aus Sicht der Kundinnen und Kunden ist es wichtig zu wissen, was eine Stadt an Dienstleistungen anbietet. Im Moment gibt es schweizweit noch wenige Online-Schalter, wo diese Services auf einen Blick auffindbar sind. Unser Team hat im letzten Jahr an einem Dienstleistungskatalog gearbeitet – eine Übersicht mit rund 400 Dienstleistungen, von der Wohnsitzbescheinigung über den Betreibungsauszug bis zur Parkbewilligung der Stadtpolizei. Mit dieser Liste können wir unseren Online-Schalter weiterentwickeln (siehe Interview), aber auch Optimierungs- und Digitalisierungspotenziale ableiten.
Ihr Team wurde per 1. September mit dem Team der Dienststelle Organisationsentwicklung zusammengelegt, Ihre Funktion gibt es so nicht mehr. Droht die Stadt bei der digitalen Transformation ohne CDO abgehängt zu werden?
Wichtig ist, dass es bei der Stadtverwaltung weiterhin eine Anlaufstelle für die Themen der digitalen Transformation gibt. Es braucht Köpfe, die für das Thema stehen. Es braucht Ansprechpersonen, die digitale Themen fördern und inhaltlich vorantreiben. Wie genau die Position heisst und wo sie angesiedelt ist, spielt aus meiner Sicht eine untergeordnete Rolle. Es macht Sinn, das Thema bei der Organisationsentwicklung weiterzuführen. Es hat immer schon viele Schnittstellen und eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Teams gegeben. Mit der Zusammenführung der Teams können Synergien nun noch besser genutzt werden.
Blick in die Zukunft: Wird es 2040 noch einen physischen Schalter mit Öffnungszeiten geben?
Ja, da bin ich überzeugt. Als Stadtverwaltung müssen wir für 100 Prozent der Bürgerinnen und Bürger da sein. Wenn jemand digital nicht so affin ist, muss er oder sie sein Anliegen trotzdem an die Stadtverwaltung bringen können. Wie viele Schalter im Jahr 2040 noch benötigt werden, ist die andere Frage. Klar ist: Die Bevölkerung wird die Servicequalität mit der von Unternehmen in der Privatwirtschaft vergleichen. Es ist und bleibt somit zentral, bei Entwicklungen immer die Kundensicht zu berücksichtigen.
Sie haben die Stadt St.Gallen in Richtung Bern verlassen. Welche Erinnerungen an die Zeit in der Gallusstadt nehmen sie mit?
Ich behalte sehr viele positive Begegnungen der letzten Jahre mit den Menschen in dieser Stadt in Erinnerung – sei es dienstlich oder privat. Beruflich nehme ich mit, dass es in Verwaltungen ganz viele engagierte Mitarbeitende gibt, welche die besten Lösungen für die Anliegen der Bevölkerung anstreben. Vermissen werde ich die Nähe von Stadt und Grünräumen in St.Gallen. Und natürlich werden Olma und Offa weiterhin in meinem Kalender stehen, um die Freundschaften in St.Gallen zu pflegen.
Worauf freuen Sie sich?
Ich freue mich auf die neuen Herausforderungen, die der neue Job an der Berner Fachhochschule mit sich bringt. Zudem bin ich gespannt auf die Zusammenarbeit mit den Studierenden und auf den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu verschiedenen Innovationsthemen. Die Funktionen eines CDO und eines Wissenschaftlers haben viele Gemeinsamkeiten: Man muss neugierig sein, Veränderungen vordenken und vorangehen können. Insofern bleibt für mich alles beim Alten (lacht).
Christian Geiger, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!
Organisationsentwicklung und CDO-Team werden zusammengelegt
Die städtische Dienststelle Organisationsentwicklung wird um das Team des Chief Digital Officer (CDO) erweitert. Die Direktion Inneres und Finanzen strebt dadurch inhaltliche Synergien im Bereich der Digitalen Transformation an. Weitere Informationen
