Auf zwei Rädern durch die Stadt
Vom 11. bis 20. Juni findet die Tour de Suisse statt. Das Besondere: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte endet sie in St.Gallen. Grund genug, einen Blick zurück in die Geschichte des Radsports zu werfen. Wie hat das mit den Fahrrädern eigentlich angefangen? Wie kam es zur ersten Tour de Suisse? Und welche Rolle spielte St.Gallen dabei? Im folgenden Artikel geht das Stadtarchiv diesen und weiteren Fragen nach.
In der Stadt St.Gallen fand das vermutlich erste Strassenrennen auf Fahrrädern am Sonntag, 25. Juni 1893 um 14 Uhr auf dem Rosenberg statt. Im Rahmen dieses Sportanlasses wurden insgesamt vier Rennen bestritten: Je ein Bergwettfahren auf Hoch- und Niederrad sowie zwei Juniorfahrten, eine für Kinder bis 14 Jahre und die zweite für Jugendliche vom 14. bis 18. Lebensjahr. Organisiert wurde der Anlass vom «Bicycle-Klub St.Gallen». Eine Mitgliedschaft war Voraussetzung für die Teilnahme. In der Folge häuften sich die Velorennen auf Stadtgebiet. In den 1920er- bis 1960er-Jahren bearbeitete der Stadtrat regelmässig Gesuche um die Durchführung von Velorennen aller Art. Meistens ging es um die Absperrung des öffentlichen Verkehrs und die Beschilderung der Streckenführung. Aufgrund des grossen Interesses des Publikums bewilligte der Stadtrat die meisten Gesuche umgehend. Dazu gehörten Rundstreckenfahrten, Dreilinden-Stafetten, Radball-Turniere, Ostschweizerische Militärradfahrtage, Querfeldein-Meisterschaften und viele mehr.
Fahren um die Wette: Die Rennbahn im Krontal
In Ergänzung zu diesen Strassenrennen fanden um 1900 auch Velorennen auf einer eigens dafür errichteten Rennbahn statt. Die erhöhte Kurvenführung ermöglichte höhere Geschwindigkeiten und das Publikum konnte das ganze Rennen aktiv mitverfolgen anstatt nur immer einen Ausschnitt zu sehen. Auch Eintrittsgelder konnten nun von den Veranstaltern verlangt werden. Die erste und bisher einzige Radrennbahn in der Stadt St.Gallen wurde auf Initiative eines Velohändlers namens Louis Andreazzi errichtet. Im Jahr 1905 reichte er ein Baugesuch mitsamt Situations- und Konstruktionsplänen ein. Als Standort wählte er eine freie Wiese an der Rehetobelstrasse 17 im Krontal in der Gemeinde Tablat. Die zuständige Baukommission entsprach widerwillig dem Antrag mit der Auflage, die Rennbahn müsse bei Bedarf schnell wieder entfernt werden können. Sicher war man sich gegenüber dem neuen Radsport noch nicht. Der Aufbau der Bahn erfolgte in nur wenigen Monaten. Die offizielle Eröffnungsfeier fand am Sonntag, 18. Juni 1905, um 14 Uhr statt.
Das folgende Programm wurde geboten:
- Eröffnungsfahren über 1’200 Meter, offen für alle Rennfahrer
- Fliegermeisterschaft (Schnellfahren), offen für alle Rennfahrer
- Duell zwischen den zwei Siegern auf 900 Metern um einen Ehrenkranz
- Fahren um verschiedene Prämien über 1’800 Meter
- Diverse Rennen wie ein Wettrennen zu Fuss, Kunstfahren und Ähnliches
Zeitungsberichten zufolge soll der Anlass ein grosser Erfolg gewesen sein. Die St.Gallerinnen und St.Galler begeisterten sich für die neue Sportart und diese Art von Wettkämpfen. Vor allem die Hochgeschwindigkeitsrennen erfreuten sich grosser Beliebtheit. In der Folge erschienen in den Zeitungen laufend Inserate zur «Rennbahn St.Gallen». Die Eintrittspreise beliefen sich auf 1.50 Franken für die erste, 80 Rappen für die zweite und 50 Rappen für die dritte Reihe. Die Abwechslung bei den sportlichen Darbietungen wurde auch in den Folgejahren beibehalten, von Tandemrennen über Rekordversuche im Schnellfahren bis zu Rennduellen «Mann gegen Mann» wurde vieles geboten.
Bereits 1906/7 zeigten sich jedoch Ermüdungserscheinungen. Dazu kamen schlechtes Wetter und Platznot für andere sportliche Veranstaltungen, was dazu führte, dass die Rennbahn auch zunehmend als Fussballplatz genutzt wurde. So fand 1908 ein Schweizer Meisterschaftsspiel zwischen den Old Boys Basel und dem FC St.Gallen statt. Aufgrund finanzieller Probleme musste Louis Andreazzi die Rennbahn schliesslich verkaufen. Nach mehrmaliger Handänderung wurde sie schliesslich im Sommer 1908 abgebrochen, um einer Überbauung Platz zu machen. Damit endete die kurze, aber ereignisreiche Geschichte der Rennbahn St.Fiden-Krontal. Einzig das Restaurant «Rennbahn» unmittelbar neben der einstigen Rennstrecke an der Rehetobelstrasse 15 erinnert noch an die sportliche Vergangenheit.
Der Konkurs der Radrennbahn war ein Symptom des schwindenden Interesses an Velorennen um 1910. Was war geschehen? Der Radsport bekam in dieser Zeit Konkurrenz durch andere Sportarten, in der Schweiz vor allem durch den Fussball. Dieses Sportereignis bot mehr Spektakel, mehr Abwechslung und einen dynamischeren Spielverlauf als die Velorennen, bei denen die Sportler nur im Kreis herumfuhren und bei denen oft minuten- oder stundenlang «kaum» etwas passierte. Mit dem Aufkommen des Automobils und des motorisierten Rennsports schienen die Stunden des Velorennens dann definitiv gezählt. Immer mehr Sponsoren und Hersteller von Fahrrädern wechselten in den Automobilsport. Dasselbe galt für die Magazine, die zunehmend mehr über Motor- als über Radsport berichteten. Dass der Radsport ab den 1940er-Jahren wieder so populär wurde, verdankte er vor allem einem Grossereignis: der Gründung der Tour de France.
Das Grossereignis im Radsport: die Tour de France
Die Grundidee, welche der Tour de France zugrunde lag, war die Etappenfahrt. Die erste Tour wurde im Jahr 1903 durchgeführt. 60 Fahrer starteten zu den sechs Etappen, die über eine Gesamttrecke von 2'428 Kilometern führte. Die durchschnittliche Tagesfahrzeit betrug 15 Stunden, der Sieger Maurice Garin legte die Gesamtstrecke in insgesamt 93 Stunden zurück. Bereits ein Jahr später, bei der zweiten Tour de France, ereignete sich etwas, was ebenfalls bis heute unzertrennlich mit dem Event verknüpft ist: der erste grosse Skandal. Der Gründer des Sportwettbewerbs Henri Desgrange war gezwungen, drei Fahrer nach dem Rennen zu disqualifizieren, da diese einen Teil der Strecke per Bahn zurückgelegt hatten.
Überhaupt muss man sich den Rennverlauf anders vorstellen als heute. Zu den Methoden, die Sportler, Manager und Sponsoren anwandten, um ihren Fahrern den Sieg zu sichern, gehörte nicht nur innovatives Sportgerät, geprüftes Material und akribisches Fahrertraining, sondern auch die Sabotage von Konkurrenten. Sowohl die Zuschauer wie auch Angestellte der Teams warfen Nägel, Krähenfüsse oder Glasscherben auf die Strasse, um Konkurrenzfahrer zum Sturz oder zumindest zur Aufgabe zu zwingen. Sogar Berichte über tätliche Angriffe auf Fahrer sind überliefert. Darüber hinaus waren in den Anfangszeiten die Strecken noch nicht genau beschildert und ausgesteckt, so bot sich viel Potential für unerlaubte Abkürzungen und ähnliches.
In späteren Jahren wurde das Thema Doping immer dringlicher. War zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch offen über leistungssteigernde Mittel gesprochen worden, so gerieten diese zunehmend in Verruf. Bis heute sind sie ungeliebter Teil des Leistungssports geblieben.
Die Tour de France erfreute sich bald solcher Beliebtheit, dass andere Fahrrad-Nationen nachzogen. So entstand in Italien der Giro-d’Italia (1909), in Spanien die Vuelta a España (1935) und in der Schweiz die Tour de Suisse (1933).
Die Schweiz zieht mit: die Tour de Suisse
Am Ende des 19. Jahrhunderts war das Fahrrad auch in der Schweiz populär. 41 Vertreter aus den zahlreichen Velovereinen trafen sich am 30. September 1883 im Hotel Du Pont in Biel-Brügg, um den «Schweizerischen Velocipedisten Bund» zu gründen. Später wurde der Bund in «Schweizerischer Rad- und Motorfahrer-Bund» umbenannt (1909), hatte seinen Sitz in Zürich und zwölf Angestellte. Wichtiger noch war die Begehung des 50-Jahre-Jubliäums des Bundes im Jahr 1933. Man wollte etwas Grosses inszenieren, und einigte sich auf die «I. Schweizerische Rundfahrt», den Startschuss zur Tour de Suisse. 1’200 Kilometer sollten in fünf Etappen zurückgelegt werden. Das Rennen führte von Zürich über St.Gallen nach Davos, Luzern, Genf, Basel und zurück nach Zürich, das Tessin wurde ausgelassen. Alles musste neu erstellt und geschrieben werden: Reglemente, Routen, Werbung. Dazu kamen ständige Geldsorgen. Allein das Preisgeld von 10'000 Franken für den Sieger erwies sich zu Beginn als schwer aufzutreiben. Aber auch logistische Probleme häuften sich: Man benötigte Unterkünfte und Garagen für die Teilnehmenden, Reparaturwerkstätten, Pressebüros und die Strecke musste säuberlich markiert und abgesperrt werden. Auch die Fahrer wurden vor grosse Herausforderungen gestellt, vor allem die Gebirgsstrecken waren gefährlich und anstrengend. Die zweite Etappe von Davos über die Lenzerheide und den Oberalppass nach Luzern verlangte den Fahrern alles ab. Viele gaben entkräftet auf, einer wurde gar von einem Begleitauto angefahren.
In der Rückschau sollte sich der Aufwand lohnen. Die erste Tour de Suisse galt als überwältigender Erfolg. Man schätzte, dass ungefähr eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer das Rennen verfolgt hatten, sie standen am Strassenrand, feuerten die Fahrer an und genossen das Spektakel. Für St.Gallen überliefert die Jahresmappe aus dem Jahr 1933 eine Schilderung des Rennens:
«Das Jahr 1933 brachte den schweizerischen Radsport eine ungeahnt steile Aufwärtsentwicklung, die sich denn auch äusserlich in der Gunst des Publikums kundtat während der 'Tour de Suisse'. Auf dieser auch unsere Stadt berührende Rundfahrt kam die Popularität des Radsports in der ungeteilten Anteilnahme der Bevölkerung recht augenfällig zum Ausdruck. Trotz eines Werkvormittags waren tausende und tausende spalierbildender Zuschauer auf den Strassen, um die ‘Giganten der Landstrasse’ vorbeisausen zu sehen. Und während der laufenden Woche bildete 'die Tour' fast den ausschliesslichen Gesprächsstoff auch von Leuten, die sonst von Sport und Radsport im Besondern nicht viel wissen wollen. Das sportliche Grossereignis hatte sie aber alle mit unwiderstehlicher Macht in seinen Bann gezogen.»
Erstmals Etappenende in der Stadt St.Gallen
In der Folge wurde jährlich ein Rennen abgehalten, bis im Jahr 1940 der 2. Weltkrieg durch die Grenzbesetzung eine Durchführung verhinderte. 1941 fand wiederum eine kleine Tour de Suisse statt, sie führte über drei Etappen von Zürich nach Lausanne und über Bern zurück nach Zürich. Auch 1942 gab man nicht auf: obwohl das Reifenmaterial knapp war und Benzin für die Begleitfahrzeuge fast vollständig fehlte, wurde das Rennen ausgetragen. Die Zeitschrift «Nebelspalter» spöttelte, dass private Velofahrerinnen und Velofahrer auf ihre Velopneus verzichten mussten, um sie den Rennfahrern zu überlassen. Die Jahre 1946 bis 1958 gelten als die goldenen Jahre der Tour de Suisse, und im Jahr 1946 endete eine der Etappen erstmals in der Stadt St.Gallen. Die Gesamtdistanz betrug knapp 1’845 Kilometer, von den 60 gestarteten Fahrern erreichten 32 das Ziel. Die Siegertrophäe ging an den Italiener Gino Bartali, der in der Folge eine glänzende Karriere absolvieren und einer der erfolgreichsten und populärsten Radrennfahrer werden sollte. Für sein Engagement während des 2. Weltkriegs zur Rettung verfolgter Juden wurde er 2013 posthum mit der Ehrung des Staats Israels als einer der «Gerechten unter den Völkern» ausgezeichnet. Das zweite Mal wurde die Stadt St.Gallen ein Etappenort in der Tour de Suisse des Jahres 1963. Gleich die erste Etappe führte von Zürich nach St.Gallen, am nächsten Tag von St.Gallen nach Celerina. Auf letzterer Strecke gerieten die Fahrer in ein grosses Unwetter mit Schnee und Eis, durchgefroren und am Ende ihrer Kräfte erreichten Sie am Abend Celerina. Zum Sieger wurde der Italiener Giuseppe Fezzardi gekürt.
Danach war St.Gallen für einige Jahre nicht mehr Teil der Tour de Suisse. Das Jahrbuch der Stadt St.Gallen vom Jahr 1975 schrieb dazu lapidar: «Der übrige Radsport (neben dem Radball, A.d.V.) hat in St.Gallen jegliche Bedeutung verloren. Sogar die traditionellen Rundfahrten (z.B. Tour de Suisse) machen einen weiten Bogen um unsere Stadt.» Doch es ging wieder aufwärts. Die Jahre 1980 bis 2007 sind die Touren der grossen Namen bis heute: Lance Armstrong, Jan Ullrich, Beat Breu und Alex Zülle. St.Gallen war zweimal Etappenziel, einmal 1982 als Schluss der dritten Etappe und einmal 1991 als Startpunkt der ersten Etappe.
Der St.Galler Velosuperstar: Beat «Bergfloh» Breu
Kein anderer Radfahrer hat die Ostschweiz so geprägt wie Beat Breu. Das Velofahren wurde dem gebürtigen St.Galler in die Wiege gelegt. Bereits im Kinderwagen wurde er von seinen Eltern, beide Radsportbegeisterte, zu Velorennen mitgenommen. Seine Lehre absolvierte er dann als Pöstler bei der PTT, war allerdings bereits als Briefträger-Lehrling schnell und hatte so oft Zeit, Trainingsläufe und Veloausfahrten zu absolvieren. Und auch zu Velorennen zog es den jungen Beat früh. Sein Fahrrad baute er sich aus alten Veloteilen seines Vaters und Bruders selbst zusammen. Leider war er immer der Letzte. In seinem Frust änderte er die Richtung seiner Sportlerlaufbahn und entschied sich, Jockey zu werden. Nach einigen Reitstunden und einem schweren Sturz mit verletzter Schulter sattelte er auf Handball auf der Kreuzbleiche um. Auch dort lag sein Glück nicht: Als Torwart hatte er es bald satt, ständig von Bällen beschossen zu werden. Er kehrte zum Radsport zurück und feierte bald gute Platzierungen, v.a. wenn die Rennen Bergstrecken beinhalteten. Dies brachte dem kleinen, aber ausdauernden Velofahrer bald den Spitznahmen «Bergfloh» ein.
Heute gilt Beat Breu als einer der erfolgreichsten Schweizer Radsportfahrer. Er nahm an 14 Tour de Suisse Rennen teil, siegte zweimal und trug während 15 Tagen, länger als jeder andere Schweizer das berühmte goldene Trikot. Insgesamt gewann er 252 Rennen und stand 449 mal auf dem Podest. Auch an anderen Velosportevents wie dem seit den 1950er-Jahren populären Radquer (Rennen im Herbst und Winter auf unbefestigten Wegen) nahm er regelmässig Teil. In St.Gallen fanden diese Rennen in Winkeln auf dem Breitfeld statt. Eines seiner bekanntesten Fahrräder steht heute im Velomuseum Rehetobel neues Fenster. Seine offizielle Karriere beendete er nach der Saison 1995. Nach der Veruntreuung seines Vermögens durch seinen Bruder musste Breu verschiedene Projekte starten, um sich finanziell über Wasser zu halten. 2019 ehrte ihn das Mundart-Popduo «Dachs» mit einer eigens für ihn komponierten Hymne.
Stadtarchiv
Vom vélocipèdes bis zum E-Bike
Wie hat das mit den Fahrrädern eigentlich angefangen? Die Geschichte beginnt am 31. Mai 1868 in Paris ... Erfahren Sie mehr.
Quellen
Uhler, Peter, Geschichte der Radrennbahn St.Fiden-Krontal, S.7.
Mason, Benjo, Der Schweiss der Götter, S. 35.
Mason, Benjo, Der Schweiss der Götter, S. 235-247.
SG Jahresmappe 1934, S.74.
Nebelspalter, S.23.
Gallusstadt, 1975, S.144.
Renggli, Sepp: Beat Breu, Zürich 1994.
