Ganze acht Monate dauerte es vergangenes Jahr, um eine offene Stelle als Vor-Ort-Support bei den städtischen Informatikdiensten (IDS) mit einer geeigneten Fachperson zu besetzen. Noch vor wenigen Jahren erhielt Hans Vetsch auf die gleiche Stelle über 120 Bewerbungen. Die Situation verschärfe sich weiter, berichtet der Dienststellenleiter besorgt. «Die Fachkräfte fehlen querbeet – besonders im Bereich Sicherheit und System-Technik. Hinzu kommt, dass in der Schweiz in den nächsten Jahren Tausende IT-Fachkräfte in Pension gehen.» Der Fachkräftemangel habe verheerende Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft, aber auch auf Bund, Kantone und Gemeinden. Die Digitalisierung könne aufgrund des Fachkräftemangels nicht im gewünschten Tempo voranschreiten. Es müssten neue Systeme eingeführt werden und zugleich die alten während einer bestimmten Übergangszeit gepflegt werden. Wenn Hans Vetsch die aktuelle Situation beschreibt, liegt auch Ungeduld in seiner Stimme. «Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie abhängig wir im Alltag von einer funktionierenden und sicheren IT sind – ohne sie hätten wir leere Supermärkte und eine kalte Wohnung. Wir würden keine Lohnauszahlung erhalten und könnten keine Zugreisen unternehmen. Nicht einmal Trauungen könnten durchgeführt werden.»

Textalternative zum Bild: Hans Vetsch, Leiter Informatikdienste - neues Fenster
Die Attraktivität als Arbeitgeberin verbessern
Für öffentliche Verwaltungen in der Schweiz sei die Ausgangslage noch viel herausfordernder als für die Wirtschaft, so der IDS-Leiter. «Die Stadtverwaltung kann nicht flexibel auf den ausgetrockneten Arbeitsmarkt reagieren. So kann die IDS punkto Löhne nicht mit der Flexibilität in der Privatwirtschaft mithalten.» Es müsse Bewegung in starre Strukturen kommen und die Stadt müsse ihre Attraktivität als Arbeitgeberin verbessern – angefangen beim zu wenig auf den Arbeitsmarkt bezogenen Lohnsystem und aufgehört bei berufsbegleitenden Weiterbildungen. Hans Vetsch begrüsst deshalb, dass die Stadt St.Gallen Anfang Jahr eine neue Arbeitgebermarke lanciert hat und Employer-Branding-Massnahmen vorantreibt. Auch die von den Personaldiensten für 2023 angekündigte Gesamtlohnanalyse sei ein wichtiger Schritt in Richtung marktgerechte Löhne.
Erfolgsmodell Berufspraktikum
Auch die IDS selbst haben konkrete Massnahmen gegen den Fachkräftemangel ergriffen. Bereits vor drei Jahren wurde ein Konzept für eine zukunftsgerichtete Personalplanung erstellt. Dazu gehören Employer-Branding-Strategien, fokussiert auf den «Kampf um Nachwuchskräfte». Eine Massnahme hat Hans Vetsch bereits vor 23 Jahren angestossen: die Einführung eines zweijährigen Berufspraktikums für Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger. Dieses bezeichnet der Dienststellenleiter als Erfolgsmodell. «Wir haben über die vergangenen Jahre viele junge Berufsleute zu einer Laufbahn in der IT-Branche bewogen.» Einige dieser Fachkräfte seien bei der Stadtverwaltung geblieben, andere sehr erfolgreich in der St.Galler Privatwirtschaft unterwegs. Die Mitarbeitenden würden vor allem die Zusammenarbeit im IDS-Team schätzen. Eine wichtige Voraussetzung für das Rekrutieren von neuen Fachkräften, wie Hans Vetsch betont: «Die wirksamste Massnahme ist, wenn Kollegen Kollegen anwerben.» Kürzlich hat die IDS einen Imagefilm veröffentlicht, produziert von den Berufspraktikanten Jan Räbsamen, Jan Hürlimann und Berufspraktikantin Zoé Stieger.
Imagefilm der Informatikdienste Stadt St.Gallen
60 interessierte junge Frauen, aber keine einzige Bewerbung
Frauen sind in IT-Berufen stark untervertreten. Wie könnte ihr Anteil in der Branche erhöht werden? «In dieser Frage bin ich langsam ratlos», sagt Hans Vetsch. Obwohl die IDS jedes Jahr einige Informationstage spezifisch für Mädchen in der Berufswahlvorbereitung durchführt, ist kein Effekt zu spüren. «Wir haben jedes Jahr rund 60 junge Frauen bei uns im Haus, erhalten aber keine einzige Bewerbung auf eine Lehrstelle.» Am Programm der Informationstage könne es nicht liegen, die Mädchen seien interessiert und gäben eine gute Rückmeldung, betont Hans Vetsch. Warum wählen viele junge Frauen dann doch einen anderen Berufsweg, zum Beispiel im Bereich KV? «Es ist und bleibt die vielfach unbegründete Angst vor Mathematik und Technik-Fächern», sagt Hans Vetsch.
Es braucht ein Massnahmenpaket
Das Potenzial der Rekrutierung von Quereinsteigenden schätzt Hans Vetsch als eher gering ein. Die heutigen Systemlandschaften seien derart komplex, dass es eigentlich unmöglich sei, einzig mit Anwenderkenntnissen einzusteigen. Salopp gesagt könne man die Situation mit dem Fussball vergleichen, so der IDS-Leiter: «Ein wenig kicken können alle. In die oberen Ligen schaffen es jedoch nur wenige.»
Und wie weiter? Hans Vetsch setzt als Dienststellenleiter auf ein Massnahmenpaket bestehend aus Employer-Branding-Massnahmen, dem Weiterführen des erfolgreichen Berufspraktikums und mehreren internen Massnahmen zur Mitarbeiterbindung. Und er hofft, dass die Dringlichkeit des Fachkräftemangels auf allen Ebenen erkannt wird und stadtweite wirkungsvolle Massnahmen umgesetzt werden.
