Tatiana Pinto Cardoso, wer sind Sie?
Ich bin 29 Jahre alt und komme aus St.Gallen. Meine Eltern kommen aus Portugal und somit bin ich in zwei Kulturen aufgewachsen. Ich bin Sozialpädagogin und habe einen Master in Sozialer Arbeit. Seit bald drei Jahren bin ich bei der städtischen Dienststelle Gesellschaftsfragen als Fachspezialistin Familie Kinder Gender tätig. Nebenbei arbeite ich als Dozentin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule OST. In meiner Freizeit mache ich Sport wie Yoga oder Tanzen und schaue gerne dem FC St.Gallen zu. Zusätzlich engagiere ich mich in diversen Ehrenämtern wie beispielweise bei der SP oder bei INES, dem Institut Neue Schweiz.
Wofür stehen Sie politisch?
Ich möchte mich für eine Stadt St.Gallen einsetzen, in der alle Menschen an der Demokratie teilhaben und teilnehmen dürfen – und zwar unabhängig davon, wie sie heissen, wie sie aussehen, woher sie kommen, was für finanzielle Mittel sie besitzen und zu welchem Geschlecht sie sich zugehörig oder angezogen fühlen. Es ist an der Zeit, dass alle Menschen eine Stimme erhalten, die sich heute von der Politik nicht repräsentiert und wahrgenommen fühlen. Politisch aktiv bin ich durch die Masseneinwanderungsinitiative geworden. Diese hat mich wachgerüttelt. Die Initiative ist zwar lange her, die politischen Themen aber noch die gleichen, für die ich mich auch einsetze.
Wie haben Sie den Wahlkampf und den Wahltag erlebt?
Der Wahlkampf war intensiv und lehrreich. Ich habe zum ersten Mal für das Stadtparlament kandidiert. Der Wahltag selbst glich einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Wir von der SP hatten damit gerechnet, unsere Sitze zu halten oder sogar dazuzugewinnen. Als wir erfuhren, dass wir zwei Sitze verloren hatten, war ich geschockt. Ich persönlich hatte als Newcomerin mit dem ersten Ersatzplatz zwar ein tolles Ergebnis erzielt, konnte mich aber nicht wirklich freuen. Wir suchten nach Gründen für dieses unerwartet schlechte Ergebnis. Was hatten wir im Wahlkampf nur falsch gemacht? Als ich am Montag bei der Arbeit dann erfuhr, dass das Wahlergebnis nochmals überprüft wird, wurde ich nervös. Ich rechnete mit allem – auch damit, dass wir noch mehr Sitze verlieren würden. Die Erleichterung war dann entsprechend gross, als ich erfuhr, dass die SP keine Sitze verloren hat und ich gewählt wurde. Gleichzeitig hat es mir sehr leid getan für die Kolleginnen und Kollegen der FDP, die ihre vermeintlich gewonnenen Sitze wieder abgeben mussten. Meine Wahl bleibt für mich unvergesslich: erster Ersatzplatz und gute 24 Stunden später einen Sitz im Parlament!
Meine Wahl bleibt für mich unvergesslich: Erster Ersatzplatz und gute 24 Stunden später einen Sitz im Parlament!
Was sind die Herausforderungen und Chancen, gleichzeitig in der Verwaltung zu arbeiten und im Parlament zu politisieren?
Ich habe vor der Kandidatur stadtintern und auch mit der Partei gesprochen und rechtlich sorgfältig abgeklärt, was meine Möglichkeiten für ein politisches Amt sind. Meine goldene Regel ist, dass ich über meine Geschäfte inhaltlich in der Partei nicht spreche, respektive in den Ausstand trete. Mit meinem Hintergrundwissen ist es mir aber ein Anliegen, meiner Fraktion und auch anderen Kolleginnen und Kollegen im Parlament das System Verwaltung näherzubringen. Das kann zum Beispiel bei der Formulierung von Politischen Vorstössen hilfreich und auch zeitsparend sein. Ich sehe es als grosse Chance, dass ich die Prozesse der Verwaltung kenne.
Was wird Ihr erster politischer Vorstoss sein?
Ich habe bereits einen politischen Vorstoss in Vorbereitung, aber mehr möchte ich jetzt noch nicht verraten.
Wie bereiten Sie sich auf die ersten Sitzungen im Stadtparlament vor?
Mit Ferien (lacht). Ich habe lange Weihnachtsferien geplant und werde meine Eltern, die wieder in Portugal leben, besuchen. Nach dem Wahlsieg im Herbst bin ich auch zu ihnen gereist, um Trauben zu ernten und Wein zu stampfen. Nun werde ich diesen Wein trinken und mich auf das neue Jahr und damit auch auf die neue Legislatur im Stadtparlament einstimmen.
