Vica Mitrovic, Ihr Jahr als Präsident des Stadtparlaments geht bald zu Ende. In einem Satz zusammengefasst: Wie war es?
Es war sehr interessant, ich hatte viele beeindruckende Begegnungen und produzierte – entgegen meinen anfänglichen Bedenken – keine Verfahrensfehler, ich habe das Amt mit grosser Freude ausgeübt.
Sie hatten Angst vor Fehlern?
In der Anfangsphase hatte ich gewisse Bedenken, denn im Parlament geht es sehr lebhaft zu und her. Reagiert der Vorsitzende dann zu langsam, entsteht rasch Unruhe im Plenum – und Deutsch ist ja nicht meine Muttersprache. Aber es ging gut. Auch, weil wir eine hervorragende Verwaltung haben. Ich habe oft mit der Stadtkanzlei, dem Stadtschreiber und den Menschen im Umfeld zusammengearbeitet. Sie waren weit mehr als die viel zitierte rechte Hand, enorm professionell und hilfsbereit. Und die Zusammenarbeit mit sämtlichen Fraktionen war absolut reibungslos.
Was war Ihnen wichtig in Ihrem Präsidialjahr?
Ich wollte erreichen, dass Politik nicht so kühl ist, sondern Emotionen gezeigt werden und auch mal gelacht wird. Das habe ich erreicht – einmal auch unfreiwillig: Alle lachten und ich verstand nicht, weshalb. Also fragte ich den Ratssekretär und er erklärte mir: Du hast es ganz anders formuliert, als du es eigentlich meinst. Da musste ich natürlich auch lachen. Am nächsten Tag berichtete die Zeitung darüber und ich erhielt Anrufe, ich fand das super.
Auf internationaler Ebene berichten Medien eher über das Gegenteil: die Verschärfung des Tons, die Verrohung der Politik …
Ich bin nun seit rund 40 Jahren in der Schweiz. Seither haben sich die Fronten und auch die Sprache verhärtet – auch weil die Schere zwischen Reichen und Menschen, die nichts haben, weiter aufgegangen ist. Aber im Stadtparlament, dem ich seit 15 Jahren angehöre, habe ich nie eine Beleidigung erlebt, welche die andere Seite verletzt hätte.
Ihr Präsidialjahr war ein Wahljahr. Haben Sie das im Parlament gespürt?
Ja, es gab viele Vorstösse und teils theatralische Wortmeldungen. Aber das ist normal in einem Wahljahr.
Zum Amt des Parlamentspräsidenten gehören Repräsentationspflichten. War das für Sie reine Pflicht oder hatten Sie auch Freude daran?
Ich bin bereits pensioniert und arbeite nur noch freischaffend als Dolmetscher, hatte also Zeit. Und ich bin sehr kommunikativ. Deshalb hatte ich null Probleme damit, Anlässe zu besuchen und manchmal auch eine Rede zu halten. Die Veranstaltungen waren sehr vielfältig, von Mitgliederversammlungen bis zu grossen Anlässen. Ich hatte Freude daran. Und obwohl ich mich schon früher mit der Geschichte der Stadt befasst hatte, lernte ich bei Vorträgen und anderen Veranstaltungen noch Neues darüber.
Ich hatte schon das Gefühl, dass mich einige Leute anders begrüssten und sich in Gesprächen anders verhielten, obwohl ich ja der gleiche Mensch bin.
Hatten Sie das Gefühl, die Menschen begegneten Ihnen als «höchstem St.Galler» anders als sonst?
Ich hatte schon das Gefühl, dass mich einige Leute anders begrüssten und sich in Gesprächen anders verhielten, obwohl ich ja der gleiche Mensch bin. Das meine ich zumindest.
Und wie war das für Sie?
Ein Parteikollege sagte mir im Laufe dieses Jahres mal: «Hast du bemerkt, wie sich deine Haltung verändert hat? Du siehst schon aus wie Napoleon!» Und er zeigte mir ein Foto, auf dem ich tatsächlich sehr stolz und distanziert aussah. In der Folge habe ich dann versucht, mich jeweils etwas zu entspannen (lacht).
Gerade in den Medienberichten zu Ihrer Wahl war es ein grosses Thema, dass Sie ein Migrant der ersten Generation sind, eingewandert aus dem damaligen Jugoslawien. Hat Sie das genervt oder war das im Sinne Ihres Engagements für die Interessen von Migrantinnen und Migranten?
Ich spiele damit, auch mit dem Wort Jugo, das für mich nicht herablassend ist. Ich muss sagen: Der Integrationsprozess dauert unglaublich lange, auch der Prozess in unserem Innern. Wir Migranten und Migrantinnen der ersten Generation haben da einige Probleme mehr als Secondos. Und einige dieser Probleme übertragen sich auch auf unsere Kinder. Ich fand die Medienberichte positiv. Eine Stadt mit einer Seconda als Stadtpräsidentin und einem Einwanderer als Parlamentspräsident: Das ist doch eine gute Geschichte für die Medien!
Stichwort Medien: Einige bezeichneten Ihr Jahr als Parlamentspräsident als Höhepunkt Ihrer politischen Karriere. Das tönt ziemlich abschliessend …
Ich werde das Stadtparlament in die neue Legislaturperiode überführen und mich dann zurückziehen, um Platz für junge Leute zu machen. Ich bin bereits ein Auslaufmodell (lacht).
Und dann? Schreiben Sie weitere Bücher?
Mein Buch «Gastarbeiter» erscheint wahrscheinlich noch in Deutsch. Gelingt das, habe ich alles geschafft.
Grossartig, wenn man das sagen kann. Aber was bleibt dann noch zu tun?
Ich werde schreiben, noch ein bisschen übersetzen und viel lesen. Ich habe mich auf die nächste Lebensphase vorbereitet und mich dabei, als Orthodoxer, vom Buddhismus inspirieren lassen. Denn dort ist klar vorgegeben, welches Buch man in welchem Lebensalter lesen soll. Bereitet man sich nicht auf das Alter und den Endpunkt vor, besteht die Gefahr, depressiv zu werden, und das habe ich nicht vor. Ich will das Leben geniessen!
