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Beinahe ein Jahrhundert Abstinenz – Der Alkoholgegnerbund St.Gallen

Ach, Dezember und Weihnachtszeit! Vom Apéro im Geschäft über den Glühwein am Bohl bis hin zum Mimosa beim Weihnachtsbrunch. Für viele ist diese Verknüpfung von gesellschaftlichen Ritualen und Alkohol – oder auch der Alkohol per se – ein Übel. In diesen Tagen wird in Bundesbern über die Alkoholempfehlungen diskutiert. Grossflächige Debatten um den Alkoholkonsum reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Früher engagierte man sich in einem der vielen alkoholkritischen Vereine. Ein solcher Verein, dessen abstinente Mitglieder sich politisch und gesellschaftlich engagierten, soll hier vorgestellt werden: Der Alkoholgegnerbund, Sektion St.Gallen.

 

Der wirtschaftliche, kulturelle, soziale und politische Hintergrund der Gesellschaft beeinflusste jeweils auch die Alkoholdebatten.

Die vier Richtungen

Die protestantische Bewegung des Blauen Kreuzes (gegründet 1877) wollte einzelne Trinker durch Abstinenz heilen und so auch für den christlichen Glauben gewinnen. Daneben wirkte sie auch präventiv, indem sie abstinente Jugendgruppen führte. Von Nichtmitgliedern wurde die Abstinenz von Schnaps und Mässigkeit bei den übrigen alkoholischen Getränken gefordert. Die sozialhygienische Richtung hingegen forderte das Verbot aller alkoholischen Getränke und sah in der Abstinenz den Weg zu besserer Gesundheit und moralischem Wohlergehen des ganzen Volkes. Abstinenz wurde als Voraussetzung für den «sittlichen Fortschritt» erachtet. Für den Gründungsvater Gustav von Bunge (Professor an der Universität Basel) standen die Volksgesundheit und die Angst vor Schädigungen des menschlichen Erbguts im Vordergrund des Abstinenzgedankens. Diese Perspektive weist auch auf den problematischen eugenischen Kontext der Alkoholismus-Debatte dieser Zeit hin. Die katholische Abstinenzbewegung vereinte Aspekte des Blauen Kreuzes und der sozialhygienischen Richtung. Die Alkoholfrage wurde mit sittlich-religiösen Postulaten verbunden und es wurde weniger versucht, einzelne Trinker zu retten, als die Trinksitten zu ändern. Die sozialistische Richtung übernahm die Ansichten der sozialhygienischen Richtung weitgehend, ergänzte diese aber um den Klassenkampf: «Alkohol wird als Verbündeter des Kapitalismus betrachtet, der die Arbeit dumpf erhält; Abstinenz gilt dagegen als sittliche Voraussetzung für eine starke sozialistische Arbeiterschaft.» (Trechsel)

Widerstand gegen den Alkoholkonsum

Um 1880 entstand in der Schweiz eine Vielzahl verschiedener Organisationen, die sich dem Kampf gegen den Alkohol verschrieben hatten. Die Alkohol-Abstinenzbewegung gehörte um 1900 zu den wichtigsten sozialen Bewegungen der Schweiz. Sie umfasste auf ihrem Höhepunkt rund 60 000 Mitglieder und war damit die drittgrösste sozialpolitisch engagierte Bewegung.

Die entstandene Abstinenzbewegung lässt sich in vier Kategorien unterteilen: die protestantische, die sozialhygienische, die katholische und die sozialistische Richtung.

Um die Jahrhundertwende wurden in St.Gallen beispielsweise folgende Vereine bzw. Ortssektionen gegründet: Verein vom Blauen Kreuz, Humanitas San Gallensis (Studentenverbindung), Katholische Abstinentenliga, Guttemplerloge Freiheit, Alkoholgegnerbund und Verein Abstinenter Eisenbahner.

Der Verein bekämpft einzig vom hygienischen, sittlichen und volkswirtschaftlichen Standpunkt aus den Alkoholgenuss als einen Faktor, der die jetzigen und die späteren Generationen in Bezug auf Gesundheit, geistiges und materielles Wohlbefinden aufs Äusserste schädigt.

Werktags den Süssmost und am Festtag den Traubensaft

Insgesamt war die Abstinenzbewegung gesellschaftlich erfolgreicher als politisch. Sie trug wesentlich dazu bei, dass der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit problematisiert, der gesellschaftliche Trinkzwang gemildert und Behandlungssysteme für Alkoholabhängige entwickelt wurden.

Text: Daniel Stucky