Jacqueline Gasser-Beck, was wird Ihnen von Ihrem Präsidialjahr bleiben?
Sehr viele sehr unterschiedliche Bilder. Besondere Highlights waren sicher die einmaligen Events, etwa die Moderation eines Fussballpodiums in der Fanzone an der Women’s Euro oder jenes Wochenende, an dem mit dem St.Galler Kantonalschwingfest und dem Openair St.Gallen gleich zwei grosse Anlässe in unserer Stadt über die Bühne gingen. Auch der OLMA-Umzug mit Weibelbegleitung und das anschliessende Mittagessen mit Bischof Beat waren mir eine besondere Ehre. Mindestens so stark bleiben mir aber die vielen kleinen Momente: die Vereinsanlässe, Quartierfeste, Preisverleihungen und Vernissagen. Und auch die vielen Gespräche mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die viel Herzblut in ihre Ideen für diese Stadt stecken, werden mir in Erinnerung bleiben. St.Gallen lebt nicht nur von grossen Worten auf der politischen Bühne, sondern von sehr vielen Menschen, die einfach machen.
Als Stadtsanktgallerin kennen Sie die Stadt aus dem Effeff, man kannte Sie schon vor Ihrem Präsidialjahr. Wie haben Sie St.Gallen als höchste Stadtsanktgallerin erlebt. Haben Sie die Stadt neu kennengelernt?
Ganz neu war es nicht. Als Fraktionspräsidentin war ich schon vorher bei den meisten Anlässen präsent. Neu war aber die Perspektive. Plötzlich heisst es an einem Apéro: «Wissen Sie eigentlich, wer das ist? Sie reden gerade mit der höchsten St.Gallerin». Das macht einen stolz und demütig zugleich. Ich habe die Stadt in diesem Jahr noch einmal stärker als Beziehungsnetz erlebt. Und es war schön zu sehen, wie sich diese Beziehungsnetze überlagern. Man begegnet sich als Bildungsexpertin, Politikerin, Vereinsangehörige, Quartierbewohnerin oder Familienfrau und stellt fest, dass es oft dieselben engagierten Menschen sind, die diese Stadt prägen. Diese Dichte an Leuten, die Verantwortung übernehmen, ist immer wieder beeindruckend.
In Ihrer Antrittsrede haben Sie bildlich von Rot-Grün-Blindheit beziehungsweise Rechts-Links-Schwäche gesprochen und das Stadtparlament aufgefordert, angesichts grosser Aufgaben zusammenzurücken. Hat das Stadtparlament auf Sie gehört?
Meine Rechts-Links-Schwäche ist manchmal lästig, politisch aber durchaus ein Vorteil. Ich muss mich immer wieder vergewissern, ob ich nach rechts oder links abbiegen soll. Dieses kurze Innehalten gibt mir jedes Mal die Möglichkeit, nochmals darüber nachzudenken, welcher Weg für die Stadt als Ganzes sinnvoll ist. Genau diese kleine Denkpause entspricht auch meiner politischen Rolle. Als Grünliberale bin ich mir diese Zwischenposition gewohnt. Bei gesellschaftlichen und klimapolitischen Fragen stimmen wir eher mit der linken Ratsseite, bei wirtschaftlichen und finanzpolitischen Themen eher mit der rechten Ratsseite. Meine persönliche Aufgabe sehe ich darin, in diesem Spannungsfeld immer wieder einen Ausweg in einer urban progressiven Stossrichtung zu suchen, um möglichst viele Städterinnen und Städter mitzunehmen. Im Parlament gelingt das grundsätzlich gut. Schwieriger wird es, wenn wir über die Stadtgrenzen hinausblicken. Spätestens beim Nein zum Nachtrag des Finanzausgleichsgesetzes am 18. Mai war klar, dass wir uns als Stadt nicht darauf verlassen können, dass unsere Rolle als Zentrum im Kanton automatisch verstanden und mitgetragen wird. In meinem Amtsjahr hat sich leider gezeigt, dass der Stadt-Land-Graben eher grösser geworden ist.
War das Nein zum Finanzausgleichsgesetz denn auch die grösste Herausforderung Ihres Amtsjahrs?
Ja. Dieses Nein hat unsere ohnehin angespannte Finanzlage zusätzlich verschärft. Die Stadt trägt rund vierzig Prozent ungedeckte Zentrumslasten. Das heisst, dass wir Leistungen für die ganze Region anbieten und einen guten Teil davon selbst zahlen. Nach diesem Entscheid des ganzen Kantons ist die Ausgangslage für die Stadt noch anspruchsvoller geworden. Die wirklich grosse Herausforderung liegt nun aber im Amtsjahr meines Nachfolgers: das Sparpaket «Alliance». Wir müssen es schaffen, digitale Effizienzgewinne konsequent zu nutzen und veraltete Strukturen zu hinterfragen. Sonst droht faktisch ein Leistungsabbau, der für uns alle schmerzhaft wäre.
Die finanzielle Situation und das bevorstehende Sparpaket haben uns gezwungen, grundsätzlicher zu diskutieren. Welche Stadt wollen wir sein?
Angesichts der finanzpolitischen Herausforderung hat der Stadtrat die Zusammenarbeit mit dem Stadtparlament auch abseits der Sachgeschäfte intensiviert. Konnten Sie sich als Stadtparlamentspräsidentin überhaupt noch anderen Themen widmen?
Die Finanzen waren tatsächlich der grosse Taktgeber. Die finanzielle Situation und das bevorstehende Sparpaket haben uns gezwungen, grundsätzlicher zu diskutieren. Welche Stadt wollen wir sein? Wie sichern wir Lebensqualität, Kultur, Bildung, soziale Angebote und Klimaschutz, wenn die Mittel knapper werden? In den vertraulichen Austauschen mit dem Stadtrat und den Fraktionen ging es deshalb nicht nur um Zahlen, sondern immer auch um Werte. Was gehört zum städtischen Grundauftrag, was ist eher Nice-to-have? Wo müssen wir effizienter werden und wo schneiden wir uns mit hinausgeschobenen Investitionen ins eigene Fleisch? Das sind Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind, und doch mussten und müssen wir Lösungen finden, um unsere Stadt in eine nachhaltige Zukunft zu führen.
Was verbuchen Sie im Rückblick als bleibenden Erfolg?
Wahrscheinlich, dass es mir meist gelungen ist, die Sitzungen einigermassen effizient und doch mit Gelassenheit zu führen, auch wenn die Abstimmungsanlage zwischendurch eigene Vorstellungen hatte. In solchen Momenten hilft es, wenn vorne jemand sitzt, der nicht nervös wird, einen Scherz machen kann und gleichzeitig klar bleibt in der Führung der Sitzung. Diese Mischung aus Humor und Struktur war mir wichtig. Als ebenso wichtigen Erfolg empfinde ich, dass es uns gelungen ist, die Zusammenarbeit über die Parteigrenzen hinweg zu stärken. So konnten wir etwa gemeinsam einen Vorstoss zu den Zentrumslasten einreichen und haben unseren Unmut über die Teilnahme am Städtebauwettbewerb «Europan» in einem gemeinsamen Schreiben an den Stadtrat zum Ausdruck gebracht. Solche Signale über die Fraktionen hinaus zeigen, dass wir als Parlament Verantwortung für die Stadt als Ganzes übernehmen.
Kam Ihnen dabei ihre Parteierfahrung zugute? Als Grünliberale sind Sie Teil der kleinsten Fraktion, die aber oftmals das Zünglein an der Waage spielt, wenn es um Mehrheiten geht.
Als Grünliberale bin ich es mich gewohnt, Entscheidungen nicht in einfachen Lagern zu denken. Wir sind thematisch klar, auch wenn das nicht immer einfach zu kommunizieren ist. Und ja, wir sind arithmetisch nicht gewichtig, aber sehr oft für eine Mehrheit entscheidend. Als Stadtparlamentspräsidentin musste ich diese Rolle bewusst wechseln. In der Leitung der Sitzung bin ich nicht die grünliberale Präsidentin, sondern die Präsidentin des gesamten Parlaments. Diese Neutralität war mir sehr wichtig und ist mir auch nicht sonderlich schwergefallen. Auch als Juristin habe ich mich immer eher in der Rolle der allparteilichen Richterin und weniger in der Rolle der angriffslustigen Anwältin gesehen.
In Ihrer Antrittsrede haben Sie gesagt, Vorgaben seien dazu da, kreativ interpretiert zu werden. Hatte es im doch sehr strukturierten Parlamentsbetrieb Platz für solche kreativen Interpretationen?
Im eigentlichen Ratsbetrieb ist der Spielraum eher begrenzt, und das ist auch gut so. Bei den Gestaltungsmöglichkeiten rundherum war aber durchaus Platz für Kreativität. An der Präsidialfeier etwa haben wir bewusst etwas Glitzer in den politischen Alltag gebracht. Mit parteiübergreifendem Karaoke, «Pub Quiz» und überraschenden kleinen Gesten, die zu einer Atmosphäre beigetragen haben, in der man einander nicht als politische Gegnerinnen und Gegner sieht, sondern als Menschen, die sich gemeinsam engagieren. Ich bin überzeugt, dass es gerade in der Politik guttut, wenn man sich ab und zu mal nicht so ernst nimmt.
«Brötig» ist für mich als Bäckerstochter natürlich kein Schimpfwort. «Brötig» ist für mich auch ein Ausdruck von Pragmatismus und Verlässlichkeit.
Wären Sie gern kreativer gewesen?
Ich habe mir erlaubt, in den Parlamentspausen einen rein vegetarischen Imbiss ohne Alkohol anzubieten. Das hat nicht allen gefallen, war aber sehr bewusst so gewählt. Als Grünliberale und als Person bin ich überzeugt, dass fleischlose, regionale Verpflegung ökologisch sinnvoll ist und, ehrlich gesagt, auch richtig gut schmecken kann. Etwas mehr Flexibilität und Modernität würde ich mir im Umgang mit der Geschäftsordnung des Parlaments wünschen. Mir ist es zum Beispiel ein grosses Anliegen, die Vereinbarkeit von Politik, Beruf und Familie zu verbessern. Eine Stellvertretungslösung wäre da ein wichtiger erster Schritt. Schmunzeln muss ich auch darüber, dass gewisse Parlamentsmitglieder im Zeitalter der Individualität noch immer ganz klare Vorstellungen davon haben, wie eine dem Parlament angemessene Kleiderordnung auszusehen hat.
Apropos Vereinbarkeit und Kleidungsvorschriften: Sie sind weitgereist und weltgewandt, beschäftigen sich beruflich mit zukunftsweisenden Technologien und haben zu Beginn ihrer Amtszeit die Vision einer offenen, inklusiven, nachhaltigen Stadt der Chancen entworfen. St.Gallen eilt dagegen der Ruf voraus, etwas «brötig» zu sein. Was motiviert Sie, sich auch künftig in der Stadt politisch zu engagieren?
«Brötig» ist für mich als Bäckerstochter natürlich kein Schimpfwort. «Brötig» ist für mich auch ein Ausdruck von Pragmatismus und Verlässlichkeit. Das passt ganz gut zu mir. Und gerade, weil ich schon ein bisschen etwas von der Welt gesehen habe und viel erleben durfte, schätze ich die Lebensqualität in St.Gallen umso mehr. Ich liebe meine Heimatstadt und habe mir zu meinem Präsidialjahr das stadtsanktgaller Bürgerrecht geschenkt. Das hat sich unglaublich schön und richtig gut angefühlt.
