Gemeinsame Strategie für Quartier- und Gemeinwesenarbeit
Mit dem Legislaturziel 2021-2024: «Unserer Quartiere - Lebensräume für alle» möchte der Stadtrat St.Gallen eine generationenübergreifende, koordinierte und kooperative Quartier- und Gemeinwesenarbeit entwickeln. Davon sollen alle Bevölkerungsgruppen profitieren können. Ziel ist es, soziale Anonymität und fehlende Begegnungen in den vielfältigen Lebensräumen zu überwinden sowie zivilgesellschaftliches Engagement und Nachbarschaftshilfe zu fördern. Aktuell sind soziale Angebote oft wenig bekannt und wenig vernetzt. Das Lebensraumkonzept wird von der Fachhochschule OST gemeinsam mit der Dienststelle Gesellschaftsfragen entwickelt und zeigt auf, wie Koordination und Kooperation in den Quartieren umgesetzt werden kann sowie Synergien, Partizipation und eine Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Bevölkerung und lokalen Akteuren gelingt.
Mit dem Legislaturziel 2021-2024 «Unsere Quartiere – Lebensräume für alle!» aus dem Handlungsfeld Gesellschaft möchte der Stadtrat eine gemeinsame Strategie für eine koordinierte und kooperative Quartier- und Gemeinwesenarbeit für alle Generationen und Gesellschaftsgruppen in der Stadt St.Gallen entwickeln und erste Massnahmen umsetzen.
Der Wandel städtischer Lebensräume
Städtische Lebensräume sind zunehmend geprägt von Anonymisierung, sozialer, kultureller sowie sprachlicher Diversität. Man begegnet sich immer weniger. Das eigene Beziehungsnetz und die Freizeitaktivitäten finden zum Teil ausserhalb des Lebensraumes statt. Dazu trägt auch das Lädelisterben und die Schliessung von Quartierbeizen bei. Auch die traditionellen Angebote der Kirchgemeinden verlieren an Bedeutung. Die zunehmende Mobilität schenkt uns zwar Freiheiten und Individualität, diese tragen jedoch dazu bei, dass unsere Lebensräume nicht mehr unbedingt der Mittelpunkt unseres Lebens sind.
Die Stadt hat einen Versorgungsauftrag für alle
Die Stadt versucht ihrem Versorgungsauftrag mit bevölkerungsnahen Konzepten wie Partizipation, Integration, Wohnraum, Freiraum, Umwelt, Alter, frühe Förderung und bevölkerungsnaher Kommunikation gerecht zu werden. Damit dies gelingt, braucht es jedoch Anknüpfungspunkte in den Lebensräumen und eine neue Kultur der Zusammenarbeit (Koordination) zwischen der Stadtverwaltung und der Bevölkerung sowie den Institutionen und Akteur/innen vor Ort.
Es braucht eine neue koordinierte und kooperative Quartierarbeit
Heute erfolgt die soziale Versorgung in den Quartieren mehrheitlich zielgruppenfokussiert. Die Kinder-, Jugend-, Eltern- und Altersarbeit erfolgt oft getrennt und nebeneinander und zentrale Beratungs- oder Behördenstellen sind eher selten vor Ort präsent. Zudem gibt es noch zu wenig Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Lebensraumakteur/innen (wie Kirchen, Schulen oder Vereinen), was dazu führt, dass Synergien und gemeinsame Ressourcen zu wenig genutzt werden. Eine neue, koordinierte und kooperative Quartierarbeit hat alle Generationen und Gesellschaftsgruppen im Fokus und schafft dadurch die Voraussetzungen für Synergien, gemeinsame Strukturen und partizipative Lebensräume für alle.
Partizipative Konzeptentwicklung
Die Dienststelle Gesellschaftsfragen der Stadt St.Gallen entwickelt von September 2024 bis Juni 2025 zusammen mit der Fachhochschule OST sowie Schlüsselpersonen aus den Lebensräumen und Mitarbeitenden der Stadtverwaltung ein Konzept, das in drei ausgewählten Lebensräumen erprobt werden soll. Das Ziel ist, interessierte Kreise zu sensibilisieren und Ansatzpunkte für eine zukünftige zielgruppenübergreifende Quartierarbeit aufzuzeigen. Das Konzept schafft Voraussetzungen für einen gesellschaftspolitischen Diskurs über das zeitgemässe Zusammenleben im urbanen Lebensraum und bereitet mit innovativen Projekten den Weg für eine neue Quartierarbeit in der Stadt St.Gallen.
Zunehmende Individualisierung und Anonymität:
Die soziale und kulturelle Vielfalt, unsere Mobilität und Digitalisierung verändern das Zusammenleben in städtischen Quartieren – das Miteinander und Begegnungen im Alltag nehmen ab.
Abbau klassischer sozialer Strukturen und Treffpunkte:
Quartierläden, Beizen, Vereine und die Angebote von Pfarreien verlieren an Bedeutung. Quartiere verlieren soziale Angebote und Akteure, das Quartier als sozialer Lebensraum verkümmert.
Gefährdeter gesellschaftlicher Zusammenhalt:
Ohne Begegnung und nachbarschaftliche Beziehungen im Lebensraum stirbt der soziale Zusammenhalt. Konflikte und Polarisierung und der Rückzug in die eigene «soziale und kulturelle Bubble» nehmen zu. Ohne sozialer Bindung ist Solidarität und Partizipation sowie zivilgesellschaftliches Engagement bedroht.
Rückgang des freiwilligen Engagements:
Soziale Organisationen finden nur schwer Freiwillige. Die Bürgerbeteiligung, Nachbarschaftshilfe, Quartierprojekte beschränken sich häufig auf spontane Aktionen oder Prestigeprojekte, während langfristiges, freiwilliges Engagement ausserhalb der eigenen Community stark abnimmt.
Schwierige Erreichbarkeit «vulnerabler Gruppen»:
Ältere Menschen, fremdsprachige oder benachteiligte Personen sind oft unzureichend informiert und schwer in gesellschaftliche Prozesse einzubinden.
Fehlende Vernetzung und Ressourcen der sozialen Akteure:
Die existierenden gemeinnützigen Akteure arbeiten isoliert und erhalten keine Unterstützung. Synergien werden nicht genutzt, Angebote nicht koordiniert und es fehlt an Ressourcen für Kontinuität und nachhaltige Soziale Angebote.
Grosse Quartiere ohne gemeinschaftsfördernde Strukturen:
Obwohl die städtischen Quartiere teilweise grösser sind als ganze Nachbarsgemeinden (z.B. St.Fiden hat 20’000 EinwohnerInnen) fehlen den städtischen Quartieren gemeinschaftsfördernde Strukturen wie «Quartier- oder Familienzentren, Erholungs- und Begegnungszonen und soziale Anlaufstellen. Traditionelle Quartiervereine sind wichtige Akteure, deren Engagement ist jedoch willkürlich und sie haben keinen sozialen Versorgungs- oder Koordinationsverpflichtung. Städtischer Lebensraum ist dann attraktiv, wenn soziale Strukturen für ALLE vorhanden sind und koordiniert werden und Synergien kooperativ genutzt werden.
Städtische Themen erfordern lokale Verankerung:
Eine erfolgreiche und bevölkerungsnahe Alterstrategie, das Umweltkonzept, Partizipations- und Sicherheitsstrategien oder Frühe Förderung, Integration und Schulergänzende Angebote gelingen nur durch deren Verankerung in den Quartieren. Quartiertreffs können eine Schnittstelle zur städtischen Verwaltung sein.
Digitalisierung ersetzt keine Begegnung:
Digitale Kommunikation reicht nicht aus, um Vertrauen und nachbarschaftliche Hilfsangebote zu schaffen – physische Treffpunkte und Orte der Begegnung sind Ausgangspunkte für «Hilfe zur Selbsthilfe» und für die Entstehung von zivilgesellschaftlichem Engagement im Lebensraum.
Es fehlt eine Quartierarbeit für ALLE:
In der Stadt St.Gallen gibt es ausser der «Jugendarbeit» keine Quartierarbeit für ALLE. Es braucht neue Formen der sozial- und lebensraumorientierten Quartierarbeit (GWA Gemeinwesenarbeit). Diese soll alle Bevölkerungsgruppen, sozial durchmischt und kooperativ, nutzt Synergien und stärkt die soziale Teilhabe.
Die Entwicklung eines Konzeptes für eine «neue Quartierarbeit und Lebensräume für alle» erfolgt partizipativ. Am Prozess beteiligen sich in einer Resonanzgruppe die Quartierakteuer, sowie Hilfswerke, NGOs und kirchliche Organisationen. In der zweiten Resonanzgruppe beteiligen sich betroffene Dienststellen der Stadtverwaltung wie die Schulen, die Quartierpolizei oder die Jugendarbeit. Gesteuert wird der Prozess von der Dienststelle Gesellschaftsfragen und fachlich begleitet von der OST, welche auf für die Konzeptentwicklung zuständig ist. In einem ersten Schritt haben die beiden Resonanzgruppen die Leitgedanken und Rahmenbedingungen für das zukünftige Konzept und die Auswahl der drei Pilotquartiere festgelegt. Dies im Rahmen von zwei Workshops und einer Onlineumfrage.
Nachfolgend exemplarische Resultate aus den Workshops und der Online-Umfrage:
1. Grundsätze für einer zukünftige Quartier- und Lebensraumstartegie:
Ein zukünftige Quartier- und Lebensraumarbeit für «alle» orientiert sich an ….
- Angebote werden koordiniert und die Kooperation mit lokalen Akteuren wird gesucht
- Lebensräume für «alle» sind unterschiedlich und brauchen unterschiedliche Lösungen
- Städtische Themen und gesellschaftliche Anliegen werden im Lebensraum sichtbar und verankert
- Sie baut auf bestehende Angebote, definierbaren Leistungen und stärken lokale Akteure
- Sie schafft Begegnungsmöglichkeiten, fördert die Partizipation und Nachbarschaftshilfe
2. Vorgaben für die Konzeptentwicklung
Das Konzept gibt Antwort …
- wie Koordination und Kooperation im Lebensraum gelingen kann
- beschreibt konkrete Aufgaben und Leistungen
- zeigt das Verhältnis von ehrenamtlicher und professioneller Arbeit auf
- zeigt das Zusammenwirken von Quartier- und Verwaltungsstrukturen auf
- beschreibt und zeigt die notwendigen Ressourcen auf
- zeigt auf, wie Begegnungsorte, Treffpunkte, Quartier- und Familienzentren entstehen können
3. Vorgaben für die Auswahl der Pilot-Lebensräume
Die Auswahl der Pilot-Lebensräume orientiert sich …
- an soziodemografischen Daten
- am zukünftigen Entwicklungsbedarf
- an unterschiedlichen Lebensräumen
- am sozialen Problemdruck
- an vorhandenen Angeboten und Akteuren
- am Interesse und der Bereitschaft zur Mitwirkung
- Lebensraumstrategie – kurz erklärt (1528 kB, PDF)
- Zeitstrahl Prozessablauf (117 kB, PDF)
- Ergebnisdokumentation Workshop Resonanzgruppe Verwaltung vom 03.09.24.pdf (1116 kB, PDF)
- Ergebnisdokumentation Workshop Resonanzgruppe Schlüsselpersonen vom 11.11.24.pdf (2003 kB, PDF)
- Powerpointpräsentation mit Fotodokumentation Workshop Schlüsselpersonen 11.11.2024.pdf (4141 kB, PDF)
